Highlinen am Heuberg

Wenn du mit dem Highlinen beginnst, verändert sich nicht nur dein Bezug zur Höhe, sondern auch dein Blick für bestimmte Dinge: Felsnadeln, Schluchten, hohe V-förmige Wände… kurz gesagt Highlinespots. Keine Wanderung, ohne dass mein Blick über die umliegenden Berge zieht. Keine Autofahrt, in der ich nicht nach geeigneten Felsen Ausschau halte. So war es nur eine Frage der Zeit, bis ich auch auf diesen Spot aufmerksam wurde. Gemeinsam mit Lukas machte ich mich vor knapp einem Monat auf den Weg, um der Sache genauer auf den Grund zu gehen. Wie heißt es so schön? Vier Augen sehen mehr als zwei. Lukas entdeckte eine 90er und ich eine 120er, in meinen Augen eine der schönsten Lines im Inntal. Unsere Vorfreude war groß und wir beschlossen, noch vor Wintereinbruch mit zwei Slacklines im Gepäck wieder zu kommen.

Dieses Wochenende war es soweit. Neben Lukas und mir standen Harry, Vale, Niclas und Matze in den Startlöchern. Drei Tage schienen mir mehr als genug Zeit für ein Projekt in diesem Ausmaß, doch wie so oft weiß man davor nie, was letztendlich auf einen zukommt. Mein Versuch, die Verbindung kurzerhand mit der Angel zu werfen, scheiterte kläglich. Die gute alte Methode, zwei lange Seile an beiden Seiten runter zu werfen und unten zu verbinden, schaffte Aushilfe. Keine Stunde später stand die Verbindung der kurzen Line und die längere sollte auch nicht mehr viel Zeit in Anspruch nehmen.

Grundsätzlich will ich behaupten, dass Bäume die besten Freunde des Slackliners sind, doch wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr. Ein einziger windiger, morscher Baum sorgte dafür, dass wir nicht nur am ersten Tag geschlagen das Feld räumen mussten, sondern auch noch fast den kompletten zweiten Tag benötigten, um die längere Highline fertig aufzubauen. Wie er das gemacht hat? Ganz einfach, indem er Line und Backup in liebevollem Klammergriff gefangen hielt und sie auch durch gutes Zureden und besänftigende Worte nicht mehr loslassen wollte.DSC06378

Samstag Nachmittag war es endlich soweit. Uns bot sich der Blick auf zwei leicht im Wind schaukelnde Lines vor traumhafter Bergkulisse. Ich ließ mich nicht lumpen und startete gleich meinen ersten Versuch auf der 120er. Gleich nach dem Aufstehen merkte ich, dass das so keinen Sinn machte und setzte mich wieder hin. Die von der Sonne beschienene Line war vor dem hellgrauen Felsen unsichtbar. Ich slidete auf die andere Seite und versuchte es erneut. Ich stand auf und catchte nach dem ersten Schritt. Auch von dieser Seite war die Line fast unsichtbar, aber ich konnte zumindest einen schwarzen Schatten erkennen, der mich die Schwingungen erahnen ließ. Ich kniff meine Augen zusammen und stand erneut auf. Aus Angst vor Schwingungen, die ich nicht sehen konnte, verharrte ich oft eine gefühlte Ewigkeit an einem Fleck, kämpfte mich aber Schritt für Schritt vorwärts. Wieder einmal musste ich feststellen, wie groß der mentale Einfluss beim Highlinen ist. Nicht nur einmal war ich kurz davor einfach aufzugeben und einen erlösenden Sprung in die Leash zu machen. Der Kopf hat keine Lust mehr zu kämpfen, obwohl der Körper noch in der Lage dazu ist. Aber so leicht wollte ich es mir nicht machen und ging weiter, Schritt für Schritt. Endlich kam ich dem Ende näher. Die letzten, mir verhassten zehn Meter liegen noch vor mir. Mein ganzer Körper beginnt zu zittern während ich versuche mich durch tiefes Atmen zu beruhigen. Ich beschleunige meine Schritte, die Line beginnt sich hinter mir gewaltig aufzuschaukeln und bringt mich in gefährliche Schieflage. Durch eine ruckartige Armbewegung richte ich mich wieder auf und mache die letzten Schritte. Erleichtert und überglücklich verließ ich kurz vor Sonnenuntergang die Line.

Den letzten Tag ließen wir gemütlich angehen. Vale machte einige Versuche auf der 90er, die leider alle sehr knapp scheiterten. Ich holte mir nochmal einen Fullman auf der 120er, wobei ich mich von Mal zu Mal besser fühlte und Harry, der sich mental leider nicht mit dem Spot anfreunden konnte, genoss die Sonne und den Ausblick auf den Kaiser. Doch leider bleibt die Zeit auch in schönen Momenten nicht stehen. Der Abbau verlief reibungslos und das Material war schnell in unseren Rucksäcken verstaut. Zum letzten Mal an diesem Wochenende verließen wir fast zeitgleich mit der Sonne unsere Bühne.

 

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