180m Sonic

Das Bild einer 150m langen Highline, die ein paar Schweizer Slackliner in der Nähe von Martigny aufgebaut hatten, weckte bei mir die Lust, diese Highline ebenfalls zu laufen. Kurzerhand fragte ich Raphael und Remy ob sie Lust haben, die Line noch einmal aufzubauen. Wie zu erwarten war hatten sie rein gar nichts dagegen und wir beschlossen, die freien Tage über Ostern für dieses Vorhaben zu nutzen.

Der Zustieg mit all dem Gepäck – 500m Band, Essen und Trinken für vier Tage, nicht zu vergessen Schlafsack, Isomatte und Ukulele – war eine Qual. Doch am Spot angekommen vergaß ich schnell die ganze Plackerei. Die Aussicht ins Tal war gigantisch und die Aussicht auf die Line noch besser.

Statt den geplanten 150m beschlossen wir, eine knapp 180m lange Line aufzubauen und gut 6 Stunden später schaukelte das Band friedlich im Wind. Bevor es dunkel wurde blieb uns noch eine Stunde, um die Line etwas kennen zu lernen. Sie war uns von Anfang an sympatisch.

Am nächsten Morgen zog es mich früh aus meinem Bett. Ich hatte schließlich einiges vor. Zurück auf der Line packte mich die Höhe und Exponiertheit erneut. Man steigt auf die Line und fühlt sich zuerst noch geborgen. Der Fels fällt die ersten Meter zwar leicht ab, aber man fühlt noch die Nähe zum Boden. Nach ca. fünf Metern ändert sich alles. Man kommt über die Kante hinaus, unter dir 200m Luft und dein Blick erstreckt sich über das ganze Tal. Überwältigt genieße ich den Ausblick ein paar Minuten, bis ich mich meinem Ziel erneut zuwende und aufstehe. Das Gefühl, dass ich die ersten Meter hatte, war neu für mich. Mit so wenig Spannung bei einem so elastischen Band hatte ich es noch nie zu tun. Es war stabil und instabil zugleich. DIe Line an sich verhielt sich sehr ruhig, drohte aber bei jedem Schritt ohne Vorwarnung unter den Füßen wegzutauchen, weshalb ich mich nach den ersten Metern unverhofft in der Leash wiederfand. Ab dann wurde es besser. Mit einer Hand voll Catches erreichte ich die andere Seite und wusste, es war möglich, diese Line zu laufen. Auch Raphael machte ein gutes Crossing, nur Remy musste krankheitsbedingt erst einmal aussetzen. Mein nächster Lauf startete vielversprechend. Aufstehen und sofort loslaufen, das ist der Trick dabei. Schnell war ich im mittleren Teil, in dem ich mich deutlich wohler fühlte. Ich war schon ein gutes Stück über der Mitte, als mich die Nervosität packte. 60m vor Schluss warf es mich von der Line. Aber es war nur noch eine Frage der Zeit, bis es klappen würde. Leider zog schlechtes Wetter auf, weshalb wir auf den nächsten Tag warten mussten. _DSC1920_©_petite

Der nächste Morgen begann sehr nebelig. Die Sicht beschränkte sich auf gerade einmal 50m, aber Raphael und ich waren gerade darauf heiß, bei diesen Bedingungen auf die Line zu gehen. Raphael war zuerst dran und schaffte erneut ein gutes Crossing. Während meinem Versuch verbesserte sich die Sicht stetig, doch leider war der Schluss erneut nicht laufbar für mich, oder bessergesagt für meine Nerven. Immer noch motiviert drehte ich am Ende um und startete erneut. Es war ein Kampf zwischen meinem Körper und meinem Kopf und diesmal konnte sich mein Körper durchsetzen. Geschafft. Auch Raphael packte die Gelegenheit am Schopf und meisterte die Line beim zweiten Anlauf. Und auch Remy, dem es wieder etwas besser ging, machte einen starken Eindruck. Die Spiele konnten nun beginnen.

Alles was jetzt folgte war einfach nur genial. In der Mittagszeit zog ein Wind auf, der die Line zehn Meter zur Seite und drei Meter über die Fixpunkte hinaus nach oben drückte. Bei diesen Bedingungen zu laufen und sich im Exposure gegen den Wind zu stemmen: Enorm! Ebenso wie von dem nicht gerade konstanten Wind in einen Surf versetzt zu werden. Aber auch bei Windstille wurde es uns nicht langweilig. Blind fühlte ich mich sehr gut auf der Line und schaffte knapp 100 Schritte.

Am letzten Tag hatte Remy noch einmal seinen besten Versuch. Doch leider fiel er 20m vor Schluss. Ich habe noch nie jemanden so kämpfen sehen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s