„Tor der Welten“ im Wilden Kaiser

Vor gut zwei Jahren entdeckte ich diese Line bei einer Skitour im Wilden Kaiser. Damals sah die Line übers kleine Törl noch zu lang für mich aus, aber ich behielt den Spot im Hinterkopf.

Gut ein Jahr später kam ich mit Vale zurück, um die Line endlich in Angriff zu nehmen und war überrascht, dass mein Laser nur 60m zeigte. Nur halb so lang wie erwartet, zu kurz für den Auffwand? Nein! Bei so einer Line zählt weit mehr als nur ihre Länge. Der lange und mühsame Zustieg, das Klettern um die Anker zu erreichen, der Aufbau und schließlich das Highlinen selbst machen so ein Projekt zu einer runden und in jedem Fall lohnenden Sache. Leider schafften wir es nicht rechtzeitig vor Wintereinbruch einen Versuch zu starten, dieses Projet zu vollenden. Zwei Tage bevor wir aufbrechen wollten gab es 40cm Neuschnee, was es unmöglich machte, den Fixpunkt überhaupt zu erreichen. Uns blieb nichts anderes übrig, als bis zum nächsten Sommer zu warten.

Highline_TorDerWelten_TITELBILD_Copyright-ValentinRappIm September war es dann soweit, zu fünft machten wir uns auf den Weg Richtung Wilder Kaiser. Wir hatten alles bis ins kleinste Detail geplant, aber wann geht so ein Plan schon mal auf? Aber wie heißt es so schön: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Wie muss das dann erst mit einem Video sein? Also seht am besten selbst 😉 :

Vielen Dank an Vale, Lukas, Friedi, Luk und Helena fürs Filmen, Helfen, Aufbauen, Laufen und die moralische Unterstützung.

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„Freisinger Fahrkunst“ Die längste Line des Inntals

Highline_LechnerKoepfl_Vale-6Vor knapp eineinhalb Jahren habe ich die Line am Lechner Köpfl entdeckt. Damals auf der Suche nach neuen Herausforderungen und neuen Grenzen. Zu zweit hatten wir gut 80kg Material in einem mit Efeu überdeckten Leiterwagen den Berg rauf gezogen und zwei neue Highlines etabliert. Eine davon 147m lang, eine Länge, die damals noch nie gelaufen wurde. Doch die zwei Tage, die wir uns für das Projekt genommen hatten, reichten nicht, um es zu beenden. Kurz darauf starteten wir den nächsten Versuch. Krank und vom Zustieg ausgemergelt war das Projekt erneut zum scheitern verurteilt.


Seitdem ist mehr als ein Jahr vergangen und 147m auch nicht mehr das Maß aller Dinge, aber die Schönheit der Line liegt ja nicht in ihrer Länge sondern vielmehr in ihrer Ausgesetztheit und für mich auch in ihrer Geschichte.
Und so freut es mich umso mehr, dass ich hier jetzt einen Abschluss gefunden habe und die Line endlich laufen konnte. Jetzt ist es an der Zeit, das Band auf seine Qualitäten zu testen, denn wie viele von euch wissen ist Sonic nicht nur zum Laufen gedacht .
Ich freue mich auch sehr für Friedi und Lukas die die Line ebenfalls souverän laufen und somit ihren persönlichen Rekord verbessern konnten.Highline_LechnerKoepfl_Vale-2

Tanz mit den Paraglidern

Die Wiener Slackliner sind immer für eine Überraschung gut. Hat man mal ein Wochenende noch keinen Plan, was man tun soll, fährt man einfach nach Wien und die Jungs zaubern wieder etwas schönes aus ihrem Hut. Dieses mal war es eine 147m lange Highline („Nur für dich“) an der Hohen Wand, die wir auf Sonic II aufbauten. Das besondere daran sind eine Vielzahl an Paraglidern, die in der Luft tanzen und dabei immer wieder zur Line kommen, um sich das Ganze aus der Nähe anzuschauen. Aber ich glaube, jetzt lasse ich besser die Bilder für mich sprechen, also seht selbst:

Vielen Dank an Sebastian Wahlhütter für die tollen Bilder.

„Happy birthday Mama“ ( 155m Sonic )

Wahlhuetter-Ostrov-0417Es ist, seit ich mit dem Highlinen angefangen habe, noch kein Jahr vergangen, in dem ich nicht mindestens einmal in Ostrov war. „Master of the Universe“ hieß lange Zeit die Line, für die man die Reise auf sich nam. Doch dieses mal hatten wir ein anderes Ziel. Fünf Jahre zuvor wurde, in einem ca. 40 Gehminuten von Ostrov entfernten Tal, von Mich Kemeter die damals längste Line Europas gelaufen – Levitation, 103m lang und gute 60m hoch. Das war unser Ziel, aber nicht nur. In der Hoffnung auf etwas Längeres hatten wir auch noch ein 200m Setup mit im Rucksack. Im Tal angekommen machte ich mich sofort auf die Suche, wo man eine neue Line aubauen könnte und wurde schnell fündig. Mit 155m Länge und ebenfalls gut 60m Höhe sah der Spot sehr vielversprechend aus. Aber wie heißt es so schön? Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Der Aufbau macht sich schließlich nicht von allein und nahm den kompletten Tag in Anspruch. Kurz vor Sonnenuntergang waren beide Lines gerigged und wir konnten uns mit deutlich leichterem Gepäck auf den Weg zum Pod Cisarem machen.

Der nächste Tag war ein reiner „Ich gehe heute nicht mehr von der Highline“-Tag. Gleich nach dem Frühstück zu den Lines wandern und jede Zeit nutzen, die einem zum Slacken bleibt. Die 155m Sonic fühlte sich auf Anhieb gut an und nachdem ich das Backup auf die richtige Spannung brachte, gelang es mir sofort sie zu laufen. Aber der erfolgreiche Lauf war nur ein positiver Nebeneffekt. In erster Linie ging es mir darum, Spaß zu haben und darum, rauszufinden, in welchen Situationen es mir noch gelingt die Line zu kontrollieren. Spaß hatte ich auf jeden Fall und Kontrolle zumindest in weiten Bereichen. Es war eine Überraschung, wie gut sich die Line anfühlte. Selbst als wir die Spannung erhöhten, um uns dem Bouncen zu widmen, war sie noch angenehm zu laufen. Abends war ich platt wie selten zuvor.

Für den nächsten Tag war eigentlich nochmal das gleiche geplant: Zu den Highlines laufen und bis spät Nachmittag dort bleiben. Leider wurden wir schon viel zu früh von einem Platzregen regelrecht von den Felsen gespült. Wir entschieden uns, so schnell wie möglich das Feld zu räumen und waren gegen Mittag mitsamt Gear zurück im Pod.

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Trotzdem war es ein unvergessliches Wochenende mit tollen Leuten, das auch slacklinetechnisch einiges zu bieten hatte.

Vielen Dank auch an Sebastian Wahlhütter für die schönen Bilder.

http://www.wahlhuetter.net/

 

 

180m Sonic

Das Bild einer 150m langen Highline, die ein paar Schweizer Slackliner in der Nähe von Martigny aufgebaut hatten, weckte bei mir die Lust, diese Highline ebenfalls zu laufen. Kurzerhand fragte ich Raphael und Remy ob sie Lust haben, die Line noch einmal aufzubauen. Wie zu erwarten war hatten sie rein gar nichts dagegen und wir beschlossen, die freien Tage über Ostern für dieses Vorhaben zu nutzen.

Der Zustieg mit all dem Gepäck – 500m Band, Essen und Trinken für vier Tage, nicht zu vergessen Schlafsack, Isomatte und Ukulele – war eine Qual. Doch am Spot angekommen vergaß ich schnell die ganze Plackerei. Die Aussicht ins Tal war gigantisch und die Aussicht auf die Line noch besser.

Statt den geplanten 150m beschlossen wir, eine knapp 180m lange Line aufzubauen und gut 6 Stunden später schaukelte das Band friedlich im Wind. Bevor es dunkel wurde blieb uns noch eine Stunde, um die Line etwas kennen zu lernen. Sie war uns von Anfang an sympatisch.

Am nächsten Morgen zog es mich früh aus meinem Bett. Ich hatte schließlich einiges vor. Zurück auf der Line packte mich die Höhe und Exponiertheit erneut. Man steigt auf die Line und fühlt sich zuerst noch geborgen. Der Fels fällt die ersten Meter zwar leicht ab, aber man fühlt noch die Nähe zum Boden. Nach ca. fünf Metern ändert sich alles. Man kommt über die Kante hinaus, unter dir 200m Luft und dein Blick erstreckt sich über das ganze Tal. Überwältigt genieße ich den Ausblick ein paar Minuten, bis ich mich meinem Ziel erneut zuwende und aufstehe. Das Gefühl, dass ich die ersten Meter hatte, war neu für mich. Mit so wenig Spannung bei einem so elastischen Band hatte ich es noch nie zu tun. Es war stabil und instabil zugleich. DIe Line an sich verhielt sich sehr ruhig, drohte aber bei jedem Schritt ohne Vorwarnung unter den Füßen wegzutauchen, weshalb ich mich nach den ersten Metern unverhofft in der Leash wiederfand. Ab dann wurde es besser. Mit einer Hand voll Catches erreichte ich die andere Seite und wusste, es war möglich, diese Line zu laufen. Auch Raphael machte ein gutes Crossing, nur Remy musste krankheitsbedingt erst einmal aussetzen. Mein nächster Lauf startete vielversprechend. Aufstehen und sofort loslaufen, das ist der Trick dabei. Schnell war ich im mittleren Teil, in dem ich mich deutlich wohler fühlte. Ich war schon ein gutes Stück über der Mitte, als mich die Nervosität packte. 60m vor Schluss warf es mich von der Line. Aber es war nur noch eine Frage der Zeit, bis es klappen würde. Leider zog schlechtes Wetter auf, weshalb wir auf den nächsten Tag warten mussten. _DSC1920_©_petite

Der nächste Morgen begann sehr nebelig. Die Sicht beschränkte sich auf gerade einmal 50m, aber Raphael und ich waren gerade darauf heiß, bei diesen Bedingungen auf die Line zu gehen. Raphael war zuerst dran und schaffte erneut ein gutes Crossing. Während meinem Versuch verbesserte sich die Sicht stetig, doch leider war der Schluss erneut nicht laufbar für mich, oder bessergesagt für meine Nerven. Immer noch motiviert drehte ich am Ende um und startete erneut. Es war ein Kampf zwischen meinem Körper und meinem Kopf und diesmal konnte sich mein Körper durchsetzen. Geschafft. Auch Raphael packte die Gelegenheit am Schopf und meisterte die Line beim zweiten Anlauf. Und auch Remy, dem es wieder etwas besser ging, machte einen starken Eindruck. Die Spiele konnten nun beginnen.

Alles was jetzt folgte war einfach nur genial. In der Mittagszeit zog ein Wind auf, der die Line zehn Meter zur Seite und drei Meter über die Fixpunkte hinaus nach oben drückte. Bei diesen Bedingungen zu laufen und sich im Exposure gegen den Wind zu stemmen: Enorm! Ebenso wie von dem nicht gerade konstanten Wind in einen Surf versetzt zu werden. Aber auch bei Windstille wurde es uns nicht langweilig. Blind fühlte ich mich sehr gut auf der Line und schaffte knapp 100 Schritte.

Am letzten Tag hatte Remy noch einmal seinen besten Versuch. Doch leider fiel er 20m vor Schluss. Ich habe noch nie jemanden so kämpfen sehen.

Wolfsschlucht

NA-03162015-9721Nicht sonderlich spektakulär, aber schön dass es sie gibt. Die Wolfsschlucht ist der Spot, der mich zum Highlinen brachte. Und auch dieses Wochenende hat es mich wieder in die Schlucht gezogen, um mein neues Ziel voranzutreiben: eine 100m Highline blind zu laufen. Was soll ich sagen? Ich habe noch einiges vor mir, aber meine Lust und Motivation an diesem Vorhaben wurde geweckt.

Fotos: www.facebook.com/nicolas.armer.photography

www.nicolasarmer.com

Turkish Highline Carnival 2015

In der Hoffnung dem schlechten Winterwetter in Deutschland zu entfliehen, zog es uns diesen Februar zum dritten Highline Carnival in die Türkei. Bei unserem Zwischenstop in Istanbul wurden wir auch gleich von Schnee begrüßt, der auf dem Weg nach Antalya zumindest in Regen überging. Doch es gibt auch positive Aspekte an dem schlechten Wetter: wenn es schon regnet während man auf den Campingplatz kommt, sieht man genau an welchen Plätzen sich das Wasser staut. Doch wer lässt sich schon die gute Laune von ein bisschen Regen vermießen? Vor uns lagen schließlich neun sensationelle Highline- und Klettertage!! 21 verschiedene Highlines und über 1000 Kletterrouten warteten nur darauf bezwungen zu werden.

Aber Stress sollte dabei nicht aufkommen, denn in erster Linie ging es ja darum, die Zeit in der Türkei zu genießen. IMG_1818

Die folgenden Tage liefen zwar alle im Großen und Ganzen gleich ab, aber wer sagt, dass Monotonie schlecht sein muss? Jeden Morgen früh aufstehen und bei Sonnenaufgang auf die Highline steigen um wach und warm zu werden. Schrecklich!

Bis Abends unterwegs sein um sich auf eine Highline nach der anderen zu stellen und eine Route nach der anderen zu klettern, um im dunkeln völlig tot heimzukommen. Ich kann mir echt was besseres vorstellen! Abends am Feuer oder im Pub sitzen und sich mit netten Highlinern und Kletterern aus der ganzen Welt zu unterhalten. Geschmackssache! Nachts frieren, weil man einen zu kalten Schlafsack dabei hat. Ok! Es war nicht alles negativ.

Aber jetzt mal Spaß beiseite, es war ein echt schönes Event mit tollen Leuten und schönen Lines und Routen.

Auch in sportlicher Hinsicht war es ein voller Erfolg. Zum Einen konnte ich die 105m Line, die ich letztes Jahr leider nicht geschafft habe, ohne Probleme laufen und eine 65m Lange Highline auf Type 18 blind laufen. Und  zum Anderen bin ich meine erste 7b+ (9-) geklettert.

Resultat nach 9 Tagen: Ich bin platt ohne Ende, meine Finger sind durch, meine Kniekehlen auch und ich habe Schrammen am ganzen Körper.

Bis zum nächsten Jahr. 🙂

Highlinen am Heuberg

Wenn du mit dem Highlinen beginnst, verändert sich nicht nur dein Bezug zur Höhe, sondern auch dein Blick für bestimmte Dinge: Felsnadeln, Schluchten, hohe V-förmige Wände… kurz gesagt Highlinespots. Keine Wanderung, ohne dass mein Blick über die umliegenden Berge zieht. Keine Autofahrt, in der ich nicht nach geeigneten Felsen Ausschau halte. So war es nur eine Frage der Zeit, bis ich auch auf diesen Spot aufmerksam wurde. Gemeinsam mit Lukas machte ich mich vor knapp einem Monat auf den Weg, um der Sache genauer auf den Grund zu gehen. Wie heißt es so schön? Vier Augen sehen mehr als zwei. Lukas entdeckte eine 90er und ich eine 120er, in meinen Augen eine der schönsten Lines im Inntal. Unsere Vorfreude war groß und wir beschlossen, noch vor Wintereinbruch mit zwei Slacklines im Gepäck wieder zu kommen.

Dieses Wochenende war es soweit. Neben Lukas und mir standen Harry, Vale, Niclas und Matze in den Startlöchern. Drei Tage schienen mir mehr als genug Zeit für ein Projekt in diesem Ausmaß, doch wie so oft weiß man davor nie, was letztendlich auf einen zukommt. Mein Versuch, die Verbindung kurzerhand mit der Angel zu werfen, scheiterte kläglich. Die gute alte Methode, zwei lange Seile an beiden Seiten runter zu werfen und unten zu verbinden, schaffte Aushilfe. Keine Stunde später stand die Verbindung der kurzen Line und die längere sollte auch nicht mehr viel Zeit in Anspruch nehmen.

Grundsätzlich will ich behaupten, dass Bäume die besten Freunde des Slackliners sind, doch wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr. Ein einziger windiger, morscher Baum sorgte dafür, dass wir nicht nur am ersten Tag geschlagen das Feld räumen mussten, sondern auch noch fast den kompletten zweiten Tag benötigten, um die längere Highline fertig aufzubauen. Wie er das gemacht hat? Ganz einfach, indem er Line und Backup in liebevollem Klammergriff gefangen hielt und sie auch durch gutes Zureden und besänftigende Worte nicht mehr loslassen wollte.DSC06378

Samstag Nachmittag war es endlich soweit. Uns bot sich der Blick auf zwei leicht im Wind schaukelnde Lines vor traumhafter Bergkulisse. Ich ließ mich nicht lumpen und startete gleich meinen ersten Versuch auf der 120er. Gleich nach dem Aufstehen merkte ich, dass das so keinen Sinn machte und setzte mich wieder hin. Die von der Sonne beschienene Line war vor dem hellgrauen Felsen unsichtbar. Ich slidete auf die andere Seite und versuchte es erneut. Ich stand auf und catchte nach dem ersten Schritt. Auch von dieser Seite war die Line fast unsichtbar, aber ich konnte zumindest einen schwarzen Schatten erkennen, der mich die Schwingungen erahnen ließ. Ich kniff meine Augen zusammen und stand erneut auf. Aus Angst vor Schwingungen, die ich nicht sehen konnte, verharrte ich oft eine gefühlte Ewigkeit an einem Fleck, kämpfte mich aber Schritt für Schritt vorwärts. Wieder einmal musste ich feststellen, wie groß der mentale Einfluss beim Highlinen ist. Nicht nur einmal war ich kurz davor einfach aufzugeben und einen erlösenden Sprung in die Leash zu machen. Der Kopf hat keine Lust mehr zu kämpfen, obwohl der Körper noch in der Lage dazu ist. Aber so leicht wollte ich es mir nicht machen und ging weiter, Schritt für Schritt. Endlich kam ich dem Ende näher. Die letzten, mir verhassten zehn Meter liegen noch vor mir. Mein ganzer Körper beginnt zu zittern während ich versuche mich durch tiefes Atmen zu beruhigen. Ich beschleunige meine Schritte, die Line beginnt sich hinter mir gewaltig aufzuschaukeln und bringt mich in gefährliche Schieflage. Durch eine ruckartige Armbewegung richte ich mich wieder auf und mache die letzten Schritte. Erleichtert und überglücklich verließ ich kurz vor Sonnenuntergang die Line.

Den letzten Tag ließen wir gemütlich angehen. Vale machte einige Versuche auf der 90er, die leider alle sehr knapp scheiterten. Ich holte mir nochmal einen Fullman auf der 120er, wobei ich mich von Mal zu Mal besser fühlte und Harry, der sich mental leider nicht mit dem Spot anfreunden konnte, genoss die Sonne und den Ausblick auf den Kaiser. Doch leider bleibt die Zeit auch in schönen Momenten nicht stehen. Der Abbau verlief reibungslos und das Material war schnell in unseren Rucksäcken verstaut. Zum letzten Mal an diesem Wochenende verließen wir fast zeitgleich mit der Sonne unsere Bühne.

 

Dreifaltigkeit

IMG_5854Letztes Wochenende verschlug es uns in die Nähe von Appenzell in der Schweiz. Dort beginnt der Weg in die Berge und führt den Wanderer in ein schönes Tal, das am Fuße des Marwees endet. Kurz unter dessen Gipfel  befindet sich eine gigantische Felsformation, an der man als Highliner nicht ohne den Wunsch, dort eine Highline zu spannen, vorbeigehen kann: die Dreifaltigkeit. Bernhard hatte schon zweimal den Versuch unternommen, diesen Wunsch wahr werden zu lassen, was jedoch beide Male scheiterte. Doch so einfach wollte er nicht aufgeben und stellte kurzerhand ein neues Team zusammen. Schließlich waren wir eine Truppe von sechs Highlinern: Bernhard, Chris, Sam, Mike, Fabi und ich. Am Donnerstag ging es in Zürich los. Essen einkaufen, den Bus packen, die letzten Sachen organisieren und schon waren wir auf der Autobahn. Noch waren wir nur zu dritt, die anderen sollten im Laufe des Tages noch zu uns stoßen. An unserem Parkplatz angekommen teilten wir uns auf. Sam musste auf den Materialtransport warten und Bernhard und ich wollten schonmal zur Dreifaltigkeit aufbrechen. Doch dafür den gleichen Weg zu nehmen wäre schon sehr einfach gewesen. Bernhard nahm die Bahn und ich ging zu Fuß, ein bisschen Individualismus muss auch mal sein. DSC04203Der Weg beginnt sehr steil und führt am Sämtisersee vorbei in ein langes Tal. Von dort an fragte ich mich ständig, welche dieser zahlreichen Highlinemöglichkeiten wohl unser Spot sein würde. Bald schon sah ich von der Seite drei Felstürme, die inmitten einem langen, steilen Grashang emporragten: unser Ziel. Oben angekommen wartete Bernhard schon voller Tatendrang auf mich und wollte sich trotz einbrechender Dunkelheit nicht davon abbringen lassen, den letzten Fixpunkt noch zu bohren. Der Zustieg war nicht ganz einfach. Zuerst quert man einen, für meinen Geschmack zu steilen, Grashang, arbeitet sich dann auf den Gipfel der westlichen Dreifaltigkeit vor und muss sich von dort aus circa 30m einen schmalen Grat abseilen. Nicht ohne Gewissensbissen musste ich Bernhard bei dieser Aufgabe allein lassen, da ich an soetwas wesentliches wie eine Stirnlampe beim Packen nicht gedacht hatte. Darum machte ich mich auf den Weg zu unserem Nachtquartier, wo Sam schon auf mich wartete.

Am nächsten Morgen sollte es schon früh losgehen. Aus acht wird zehn, aus früh wird spät, so ist das eben. Inzwischen zu viert, da Mike am Abend zuvor noch zu uns gefundenen hatte, machten wir uns auf den einstündigen Aufstieg. Oben angekommen teilten wir uns in zwei Teams auf. Bernhard und Sam nahmen sich den südlichen Turm vor und Mike und ich machten uns an dem westlichen zu schaffen. Leider wurde die Kletterei nicht so einfach, wie wir sie uns vorgestellt hatten. Die Beschaffenheit des Felses lässt sich am besten mit einem Schutthaufen vergleichen, wodurch das Legen eines Keiles nahezu unmöglich wurde und man sich mit provisorischer Sicherung, wie auf rohen Eiern laufend die Wand hinauf zittert. Endlich oben angekommen, ging es auch gleich mit dem Aufbau der ersten Line los, dummerweise mit der, die vom südlichen zum westlichen Turm führt, was Mike und mich erstmal arbeitslos machte. Uns stand ein entspannter Tag auf gut zwei Quadratmetern Bewegungsspielraum bevor. Doch was spricht dagegen sich die Sonne auf den Wanst scheinen zu lassen? Eben, nichts! Kurz nach Sonnenuntergang hatten wir schließlich unseren großen Auftritt, nachdem die erste Line fertig aufgebaut war. Mit der Hilfe von Chris und Fabi, die plötzlich entgegen aller Vermutung auftauchten, richteten wir die Verbindung und beide Fixpunkte ein, bevor wir uns abseilten und zu unserem Schlafplatz zurückkehrten.

Tags darauf machte ich mich vor den anderen allein auf den Weg zu den Lines, um mein Glück bei der 70er zu versuchen. Was jetzt passierte, hatte ich so nicht erwartet. Ich setzte mich auf die Line und hatte Respekt. Respekt vor der Höhe, der Ausgesetztheit und der Bedrohung, die dieser Spot ausstrahlte. Mit zitternden Knien stand ich auf und machte meine ersten Schritte. Das war mir schon lange nicht mehr passiert. Auch während meinem Lauf konnte ich mich nicht so recht entspannen und hatte nicht nur mit dem Wind, sondern auch noch mit mir zu kämpfen. Den eigentlichen Plan, die Line bis zum Gehtnichtmehr zu bouncen, musste ich erst einmal zurückstellen und entspannte mich zunächste einige Minuten, bevor ich mich auf den Rückweg machte. Als ich mich das erste Mal umdrehte entfuhr mir ein leises „Leck!“. Mir erbot sich ein Ausblick, den ich auf Highlines bisher selten erlebte. Vorbei an dem Felsturm, an dessen oberer Ecke die Line befestigt war, erstreckte sich das Tal in seiner ganzen Schönheit. Es fällt schwer, das Gefühl, das einen in so einem Moment durchfährt, zu beschreiben. Sagen wir es so, in diesem Moment weißt du, dass es richtig ist, was du gerade machst. Bis zum Ende unseres Trips gelang es mir, mich immer mehr mit der Line anzufreunden und begann meine Spielchen mit ihr zu treiben.

Und kaum ist man so richtig angekommen, muss man schon wieder fahren. Der Weg zurück zum Bus war eine wahre Tortur. Bei der Anreise hatten wir einen Materialtransport bis zu Bollenwees Hütte, der uns für den Heimweg leider verwehrt blieb. So viel Material wie möglich auf einen kleinen Wagen gespannt und den Rest auf den Schultern machten wir uns auf den Weg.

Die Heimreise verlief nahezu reibungslos. Abgesehen von dem (vermutlich) ausgefallenen Turbo, der uns zwang mit 70km/h bei Vollgas über die Autobahn zu „rasen“, dem Umherirren durch das zürcher Einbahnstraßenlabyrinth, der ausgefallenen Bordtoilette im Bus, der abgerissenen Tür des Gepäckladeraums und jeder Menge Wiesenbesucher war es eine ereignislose Reise.